Was ist Sünde?
Jeder kennt das Wort Sünde. Viele verbinden damit Moral, Verbote oder Schuldgefühle. Doch was bedeutet das Wort eigentlich ursprünglich? Und was wollten die biblischen Autoren damit ausdrücken?
Als Luther das Neue Testament aus dem Altgriechischen ins Deutsche übersetzte, nutzte er das Wort „Sünde“ für das altgriechische „hamartia“ (ἁμαρτία). Sünde – ein Wort, das inzwischen sogar die Werbung nutzt. Und doch bleibt es für viele Menschen abstrakt, eine Hülle mit schwer zu fassendem Inhalt. Was ist damit gemeint?

Woher kommt das Wort „Sünde“ – und was bedeutet es?
Der altgriechische Begriff „hamartia“ wurde ursprünglich in der Welt des Sports verwendet. Er bedeutete so viel wie „das Ziel nicht treffen“, „am Ziel vorbeischießen“ oder „das Ziel verfehlen“.
Auch aus dem Altnordischen und Althochdeutschen kennen wir das Wort „Sund“ noch heute. Oft ist es in Bezeichnungen von Meeresengen zu erkennen (Stralsund, Fehmarnsund, Alsensund, Öresund usw.), also an Stellen, an denen zwei Landmassen voneinander getrennt sind.
Als Wortursprung wird das altnordische Wort „sundr“ angesehen. Es bedeutet so viel wie „trennen“ oder „aufteilen“. Im heutigen Deutsch ist dieser Ursprung beispielsweise noch im Wort „(ab)sondern“ erkennbar, beziehungsweise im schwedischen Wort „sönder“ („zerbrochen“).
Das erklärt zwar noch nicht vollständig, was „Sünde“ im biblischen Sinn bedeutet. Dennoch können wir damit bereits besser erahnen, wie Menschen zur Zeit Luthers oder auch zu Paulus‘ Lebzeiten die entsprechenden Texte verstanden haben könnten.
Die Begriffe sind nicht völlig bedeutungsgleich, und die Bibel beschreibt Sünde noch auf weitere Weise. Dennoch helfen die Bilder der Zielverfehlung und der Trennung dabei, einen wichtigen Aspekt dessen zu verstehen, was die Bibel mit Sünde beschreibt.
Zur Veranschaulichung zwei Beispiele, in denen das Wort „Sünde“ gedanklich durch „Trennung“ beziehungsweise „Zielverfehlung“ ersetzt wird:
Die Bilder der Zielverfehlung und der Trennung widersprechen sich nicht. Im Gegenteil: Der Mensch verfehlt das Ziel, das Gott für ihn vorgesehen hat. Die Folge dieser Zielverfehlung ist Trennung.
Ob das Ziel weit oder nur knapp verfehlt wurde, ob die Trennung groß oder klein ist, ob etwas in zwei oder tausend Stücke zerbrochen ist – am Ergebnis ändert das nichts: Teile, die zusammengehören, sind voneinander getrennt. Das Wort „Sund“ beschreibt genau eine solche Trennung.
Was bedeutet Sünde in der Bibel?
Als Christen verwenden wir dasselbe Wort sowohl für einen Zustand („von Gott getrennt sein“, vgl. 1Mo 31.Mose 3 NLBDie Sünde und ihre Folgen:
…Nachdem er sie aus dem Garten vertrieben hatte, stellte Gott, der HERR, Cherubim auf, die mit einem flammenden, blitzenden Schwert den Weg zum Baum des Lebens bewachen….Weiterlesen:
; Röm 3,23Römer 3,23 LUTSie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,Weiterlesen:
) als auch für konkrete Taten (z.B. 1Joh 1,91.Johannes 1,9 LUTWenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.Weiterlesen:
; also Lügen, Stehlen usw.). Das kann manchmal verwirrend sein.
Wenn wir an Adam und Eva denken, ist leicht nachvollziehbar, dass ihr Handeln zu einem Zustand der Trennung von Gott geführt hat. Betrachtet man die Geschichte genauer, beginnt die Trennung nicht erst mit dem Griff zur Frucht. Sie beginnt bereits dort, wo Adam und Eva dem eigenen Urteil mehr vertrauen als Gottes Wort.
Nicht jede Handlung ist deshalb Sünde, weil sie auf einer Liste verboten steht. Sie wird zur Sünde, weil sie Ausdruck einer Trennung von Gott ist oder diese Trennung vertieft.
Wie trennen uns unsere Taten von Gott?
Um diese Frage zu verstehen, hilft ein Bild. Die Bibel beschreibt Gott nicht als jemanden, der willkürlich Regeln aufstellt. Seine Gebote sollen Leben schützen und bewahren. Deshalb kann man sich das Verhältnis zu Gott wie das zu einem erfahrenen Guide vorstellen, der den Weg kennt.
Stell dir vor, du bist wandern. Dein Guide ist erfahren. Er kennt die Gegend, ihre Gefahren und ihre Besonderheiten. Viele Menschen haben ihn dir empfohlen. Er zeigt dir den Weg und meint es gut mit dir. Er hat nicht nur das Ziel im Blick, sondern möchte dich auch sicher dorthin führen.
Doch am Rand des Weges entdeckst du eine schöne Blume, eine beeindruckende Aussicht oder etwas anderes, das deine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Du möchtest näher hingehen und es betrachten.
Anstatt deinem Guide zu vertrauen, wählst du deinen eigenen Weg. Du sagst dir: „Es ist ja nicht weit weg. Ich bleibe in Sichtweite und komme gleich wieder.“
Mit dieser kleinen und scheinbar unwichtigen Entscheidung hast du dich bereits von deinem Guide getrennt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er dir zuvor ausdrücklich davon abgeraten hat oder ob du dich einfach ungefragt entfernst. Indem du deinen eigenen Weg wählst, entsteht eine Trennung.
Sünde ist mehr als Regelbruch. Sünde hat mit Vertrauen zu tun. Die Handlung ist die Folge einer inneren Entscheidung.
Das Wort „Trennung“ ist hier bewusst nüchtern und sachlich gewählt. Es ist kein Vorwurf, sondern beschreibt lediglich die Tatsache, die als Folge deiner Entscheidung entsteht.
Dein Guide oder die anderen Wanderer bemerken es und rufen dich zurück. Nun gibt es zwei Möglichkeiten:
- Vielleicht war deine Entscheidung gar nicht bewusst, sondern du warst von der Schönheit des Augenblicks abgelenkt. Du kehrst zurück und bist vielleicht sogar dankbar, dass dich jemand darauf aufmerksam gemacht hat. Die Trennung, die kurzzeitig bestand, ist überwunden, und ihr setzt euren Weg zum Ziel gemeinsam fort.
- Du kommst zunächst nicht zurück. Vielleicht argumentierst du, vielleicht bittest du die anderen zu warten oder findest weitere Gründe. Die Trennung bleibt vorerst bestehen.
Im zweiten Fall bleibt die Geschichte offen: Wie wirst du dich entscheiden? Kommst du nach deinem Abstecher zurück? Oder entdeckst du dort die nächste interessante Ablenkung? Bleibst du auf Abstand und folgst deinem Guide nur noch „auf Sichtweite“? Verletzt du dich oder gerätst du in Gefahren, die dein Guide gerade vermeiden wollte?
Deine Entscheidung führt nicht nur zu einem nüchtern messbaren Abstand. Sie ist gleichzeitig Ausdruck deines Vertrauens in deinen Guide.
Je länger du deinen eigenen Weg gehst, desto größer wird nicht nur die Entfernung zum Guide. Du gewöhnst dich auch daran, ohne ihn unterwegs zu sein. Die Trennung wird zum neuen Normalzustand.
Und was ist die Lösung?
Gott sei Dank ist Jesus für uns am Kreuz gestorben, damit diese Trennung für jeden aufgehoben werden kann, der an ihn glaubt (Joh 3,16Johannes 3,16 LUTDenn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.Weiterlesen:
; Röm 4,25Römer 4,25 LUTwelcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt.Weiterlesen:
).
Die gute Nachricht des Evangeliums ist nicht, dass Menschen sich selbst zurück zu Gott kämpfen müssen. Die Bibel beschreibt Jesus als denjenigen, der die Trennung überwindet und Menschen zurück in die Gemeinschaft mit Gott ruft.
Das Ziel der Bibel ist deshalb nicht, Menschen mit Schuldgefühlen zu belasten, sondern sie zurück in die Gemeinschaft mit Gott zu führen.
Wo Sünde Trennung schafft, schafft Jesus einen Weg zurück.
Konkret werden
Wo hast du dich von Gott entfernt, weil du deinem eigenen Urteil mehr vertraut hast als seinem Wort?
- Welche Entscheidung in deinem Leben führt gerade zu Abstand zwischen dir und Gott?
- Gibt es etwas, von dem du weißt, dass Gott dich zurückruft?
- Bist du bereit, deinen eigenen Weg zu verlassen und Gott wieder zu vertrauen?
- Was ist dein nächster konkreter Schritt zurück in die Gemeinschaft mit Gott?
Vielleicht ist deine Trennung von Gott nicht durch eine große, bewusste Entscheidung entstanden, sondern durch viele kleine Schritte. Jesus lädt dich ein, umzukehren und ihm wieder zu vertrauen. Wo Sünde Trennung schafft, schafft Jesus einen Weg zurück.
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